China – Partner und Wettbewerber

Rasanter Aufstieg: In wenigen Jahrzehnten hat sich China als zweitgrößte Wirtschaftsmacht etabliert.

China ist für viele deutsche Unternehmen einer der wichtigsten Märkte weltweit. Umgekehrt ist Deutschland für die aufstrebende asiatische Macht der größte Handelspartner in Europa. Beide Länder stehen mit ihren unterschiedlichen Wirtschaftssystemen in einem Spannungsfeld zwischen Partnerschaft und Wettbewerb.

Ein Land drängt an die Spitze. China ist seit 2010 nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Der chinesische Außenhandel hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als verzehnfacht, die Wirtschaftsleistung seit 2010 mehr als verdoppelt. Laut Berechnungen der Weltbank rangiert China mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von rund 7.800 Euro (2017) inzwischen unter den Ländern mit einem Einkommensniveau im oberen Mittelfeld. Die Wirtschaftsstruktur der Volksrepublik hat sich seit Beginn der Wirtschaftsreformen vor rund 40 Jahren rasant verändert: Das Land, in dem der Agrarsektor 1980 noch fast 70 Prozent der Arbeitsplätze stellte, drängt inzwischen in Zukunftsthemen wie Künstliche Intelligenz, Elektromobilität und Autonomes Fahren.

Die globale ökonomische Entwicklung hängt mittlerweile von dem staatlich gelenkten Wirtschaftssystem mit seiner Mischung aus Staatskapital und Marktelementen ebenso ab wie von den großen marktliberalen Wirtschaftsnationen des Westens. Gleichzeitig erhebt das Reich der Mitte einen neuen globalen Gestaltungsanspruch, wie sich an Megaprojekten wie der Belt-and-Road-Initiative zeigt.

Größter Handelspartner

Die zwei Wirtschaftsräume sind nach Jahren der Zusammenarbeit eng miteinander verflochten. Nicht nur Endprodukte, sondern auch viele benötigte Rohstoffe, Vorprodukte und Werkzeuge stammen aus China. Sie helfen der deutschen Industrie günstig zu produzieren. Das Riesenreich ist aber nicht nur Beschaffungs-, sondern vor allem auch Absatzmarkt für deutsche Unternehmen. So ist auch Deutschlands schnelle Erholung von der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht zuletzt der kräftigen Nachfrage aus China zu verdanken.

Allerdings hat sich in den vergangenen Jahren auch in China das Wachstum auf einem vergleichsweise gemäßigten Niveau eingepegelt. Zweistellige Wachstumsraten gehören längst der Vergangenheit an. 2018 legte das chinesische BIP um 6,6 Prozent zu. Zuletzt zeigten sich deutliche Zeichen einer konjunkturellen Abkühlung. Nach wie vor sind in China innovative und hochwertige Produkte und Dienstleistungen aus Deutschland begehrt. Neue Marktpotenziale eröffnen sich beispielsweise in den Bereichen Umweltschutz, Mobilität und Konsum.

Wie groß die Abhängigkeit beider Länder voneinander ist, zeigt ein Blick auf die Im- und Exporte: Seit 2016 ist China für Deutschland der bedeutendste Handelspartner weltweit. So betrug das Handelsvolumen beider Länder im Jahr 2018 knapp 200 Milliarden Euro. Für die Volksrepublik wiederum ist Deutschland der wichtigste Zielmarkt in Europa. Die Bundesrepublik führte im vergangenen Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von über 106 Milliarden Euro aus China ein.  

Neue Herausforderungen

Derzeit sind in Deutschland rund 2.500 chinesische Unternehmen tätig. Dem stehen etwa 5.200 deutsche Unternehmen in China gegenüber. Der Bestand der deutschen Direktinvestitionen belief sich 2017 auf 76 Milliarden Euro. Der Großteil chinesischer Investitionen in Deutschland nahm in der jüngsten Vergangenheit vor allem die Form von Beteiligungen und Übernahmen an. In der Zeit von 2016 bis Ende 2018 investierten chinesische Staats- und Privatunternehmen, Staatsfonds, Private Equity- und Venture Capital-Fonds rund 33 Milliarden Euro in deutsche Unternehmen.

Einen spektakulären Höhepunkt chinesischer Übernahmeaktivitäten stellte die Akquisition des Augsburger Robotikspezialisten KUKA durch den südchinesischen Haushaltsgerätehersteller Midea im Jahr 2016 dar. Seitdem werden Übernahmen deutscher Technologieunternehmen durch Investoren aus China in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Die Volksrepublik strebt ganz offen nach Weltmarktführerschaft in verschiedenen Zukunftstechnologien. Dazu unterstützt es vor allem staatliche Unternehmen mit umfangreichen Subventionen und anderen nicht marktkonformen Mitteln. Hinzu kommen Sicherheitsbedenken in Deutschland und Europa bei Investitionen in verschiedenen Bereichen der kritischen Infrastruktur. 2018 verhinderte das Bundeswirtschaftsministerium den Einstieg des staatlichen Stromversorgers SGCC beim deutschen Netzwerkbetreiber 50Hertz.

Zwischen Partnerschaft und Systemwettbewerb

Der BDI hat in einem Grundsatzpapier zu China Anfang 2019 die wesentlichen Herausforderungen benannt, vor denen Deutschland und Europa durch den Aufstieg des Landes als neue Wirtschaftsmacht gestellt werden. Die Erwartungen, das chinesische Wirtschaftssystem würde sich im Laufe der Zeit westlichen marktliberalen Modellen immer mehr angleichen, werden sich auf absehbare Zeit nicht erfüllen. Vielmehr vertritt Peking sein eigenes Modell einer staatlich gelenkten Wirtschaft immer offensiver – nicht nur im eigenen Land sondern auch auf den weltweiten Märkten.

China bleibt auch weiterhin einer der wichtigsten Partner, wird jedoch zugleich immer deutlicher zum systemischen Wettbewerber. Auf diese neue Realität muss sich die deutsche Industrie einstellen. Es gilt, die marktwirtschaftliche Ordnung in Deutschland und Europa widerstandsfähiger zu machen. Gleiche und faire Wettbewerbsbedingungen und das Prinzip der Gegenseitigkeit stehen dabei im Mittelpunkt. Hierfür setzt sich der BDI in Berlin und Brüssel ein.

Engagement für die Zukunft

Auch künftig wird China ein Treiber der Weltwirtschaft und für die deutsche Industrie ein wesentlicher Absatz- und Beschaffungsmarkt sein. Die deutsche Industrie will zu gleichen Bedingungen mit China kooperieren. Die deutschen Unternehmen möchten im fairen Wettbewerb die wirtschaftliche und technologische Entwicklung in beiden Ländern vorantreiben. Für die in China aktiven Firmen aus Deutschland bemüht sich der BDI gemeinsam mit der Bundesregierung, das wirtschaftliche Umfeld zu verbessern. Marktzugangsbeschränkungen abzubauen und geistiges Eigentum effektiv zu schützen, ist ein zentrales Anliegen. Der BDI tritt für fairen Wettbewerb und freiwilligen Technologietransfer ein – in China, der EU und auf Drittmärkten.

Vor allem in den Provinzen Chinas existieren bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand oft noch hohe Hürden für ausländische Unternehmen. Zusammen mit einer rigiden Wechselkurspolitik stellt auch die digitale Kommunikation mit den Mutterhäusern für deutsche Unternehmen eine Herausforderung dar. Aus Sicht deutscher Unternehmen sollten daten- und verbindungstechnischer Standards harmonisiert werden.

Im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (APA) unterstützt der BDI deutsche Unternehmen bei Projekten in China. Der Schwerpunkt liegt hier auf Angeboten der deutschen Industrie für nachhaltige Produktion, Umwelttechnologien und Energieeffizienz an chinesische Partner. Der BDI beteiligte sich über den APA an der  Organisation hochrangiger Wirtschaftsdelegationen bei China-Reisen von Regierungsvertretern. Hierdurchfließen für die deutsche Wirtschaft zentrale Themen in wirtschaftspolitische Gespräche ein.