Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss

US Capitol im Herbst ©fotolia.de/Imel900

US-Präsident Donald Trump nutzt die Exportstärke deutscher Unternehmen für verbale Attacken gegen Deutschland. Der Blick auf die bilaterale Handelsbilanz allein ist jedoch irreführend. Der hohe Überschuss Deutschlands spiegelt unterschiedliche Business-Modelle deutscher und US-Unternehmen wider. Aussagekräftiger sind die Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen der EU und den USA.

Deutschland weist seit mindestens 1991 einen Überschuss von Warenexporten gegenüber Warenimporten aus. Dieser Überschuss erreichte 2016 mit 249 Milliarden Euro seinen Höhepunkt. Seitdem ist er auf 228 Milliarden Euro im Jahr 2018 leicht zurückgegangen. Insbesondere im Warenhandel mit den USA ist der Überschuss mit 49 Milliarden Euro (2018) beachtlich.

Vorwürfe der USA unbegründet

US-Präsident Trump bezeichnet den Überschuss Deutschlands im Warenhandel mit den USA als ungerecht und nachteilig für sein Land. Dabei verweist er vor allem auf die hohen Autoimporte aus Deutschland und die niedrigeren Zölle, die in den USA im Vergleich zur EU in dem Bereich erhoben werden. Allerdings ist der reine Waren-Handelsüberschuss Deutschlands kein Beleg für Ungerechtigkeiten in den Wirtschaftsbeziehungen. Nach Angaben der Welthandelsorganisation (WTO) ist der durchschnittliche Zollsatz auf Gesamteinfuhren in den Vereinigten Staaten (2,4 % im Jahr 2016) nur geringfügig niedriger als in der EU (3,0 % im Jahr 2015). So sind die Zölle auf beiden Seiten niedrig und nicht grundsätzlich "ungerecht" und asymmetrisch. Dennoch wäre ein Abkommen zur Abschaffung aller Industriezölle für beide Seiten von Vorteil, da beide Seiten vom Handel miteinander profitieren.

Darüber hinaus macht es keinen Sinn, die Wirtschaftsbeziehungen der Vereinigten Staaten mit Deutschland zu isolieren, da Deutschland ebenso in den europäischen Markt integriert ist, wie Kalifornien in den US-Markt. Es ist daher sinnvoll, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und der EU auf der Makroebene zu betrachten. Dabei geht es nicht nur um den Saldo des Warenverkehrs, sondern um die gesamte Leistungsbilanz, d.h. Dienstleistungsverkehr, Primäreinkommen (d.h. Erträge aus ausländischen Investitionen und Löhnen) und Sekundäreinkommen (nicht-geschäftliche Geldtransfers, etwa Überweisungen in der Familie oder Entwicklungshilfe). Ein Blick auf die Gesamtleistungsbilanz zeigt, dass die Wirtschaftsbeziehungen der Vereinigten Staaten und der EU trotz des US-Defizits mit Deutschland annähernd im Gleichgewicht zueinanderstehen.

Was sind die Fakten? Es ist wahr, dass die Vereinigten Staaten mehr Waren von Deutschland beziehen als umgekehrt. Nach offiziellen US-Daten (Bureau of Economic Analysis; BEA) betrug das US-Defizit im Warenverkehr mit Deutschland 2018 69 Milliarden US-Dollar. Beim Handel mit Dienstleistungen ist das Bild recht ausgewogen. Die Vereinigten Staaten weisen hier einen geringen Überschuss von einer Milliarde US-Dollar aus. Bei den Primär- und Sekundäreinkommen zeigen die Daten ein US-Defizit von zwölf Milliarden US-Dollar gegenüber Deutschland, wovon der Großteil aus deutschen Kapitalerträgen aus den Vereinigten Staaten besteht. So betrug das US-Leistungsbilanzdefizit mit Deutschland im Jahr 2018 insgesamt 80 Milliarden US-Dollar.

Diese eingeschränkte Sicht auf diese bilaterale Statistik ist jedoch irreführend. Für ein realistisches Bild ist es notwendig, auch die Aufwendungen für Dienstleistungen von US-Unternehmen zu berücksichtigen, die deutsche Unternehmen nicht direkt aus den USA, sondern von US-Unternehmen in anderen europäischen Ländern beziehen. Denn viele US-Unternehmen betreiben ihre Geschäfte in Deutschland aus steuergünstigen Ländern wie Irland und den Niederlanden. Die Gewinne dieser US-Tochtergesellschaften erscheinen daher nicht in der direkten Leistungsbilanz Deutschlands gegenüber den USA. Sie erscheinen jedoch in der Leistungsbilanz der EU gegenüber den Vereinigten Staaten. Die statistische Buchung läuft etwa als Dienstleistungsimport von Deutschland aus Irland und dann als Primäreinkommen der USA aus Irland.

Eine Frage des Geschäftsmodells

Der Überschuss Deutschlands in der Leistungsbilanz ist kein Zeichen für unfairen Handel, sondern spiegelt unterschiedliche Geschäftsmodelle von deutschen und US-amerikanischen Unternehmen wider. Deutsche Unternehmen exportieren viele Waren direkt aus Deutschland in die Vereinigten Staaten. Auf der anderen Seite vermarkten viele US-Unternehmen Dienstleistungen in der EU über ihre EU-Tochtergesellschaften und transferieren dann Gewinne in die Vereinigten Staaten. Dem EU-Handelsüberschuss mit den Vereinigten Staaten steht ein Defizit beim Primäreinkommen, d.h. den Kapitalerträgen, gegenüber. Auf diese Weise profitiert die US-Wirtschaft erheblich vom Geschäft mit der EU - auch wenn dies nicht durch die einseitige Betrachtung der bilateralen Handelsbilanzen ersichtlich ist. Die nahezu ausgeglichene Leistungsbilanz zwischen den Vereinigten Staaten und der EU ist ein Beweis für gute Wirtschaftsbeziehungen, in denen jeder Partner von seinen unterschiedlichen Stärken und Geschäftsmodellen profitieren kann. Die rein bilaterale Handelsbilanz liefert jedenfalls keinen vernünftigen Grund für protektionistische Maßnahmen gegen Deutschland und die EU.