Sabine Herold: Bürokratieabbau durch Digitalisierung

Sabine Herold, Geschäftsführende Gesellschafterin der DELO Industrie Klebstoffe GmbH & Co. KGaA ©DELO

Unternehmen in Deutschland leiden unter hoher Bürokratiebelastung. Im Interview erklärt Sabine Herold, Geschäftsführende Gesellschafterin von DELO, einem führenden Hersteller von Industrieklebstoffen aus Windach bei München, warum Bürokratie ein Problem darstellt und wie Bürokratieabbau gelingen kann.

Frau Herold, wie schätzen Sie die Beeinträchtigung der deutschen Industrie durch Bürokratie und Regulierung insgesamt ein?

Es gibt Studien, die Bürokratie im Hinblick auf den Mittelstand als größte Wachstumsbremse überhaupt sehen. Für DELO kann ich sagen: Bürokratie bindet viele Managementkapazitäten, die wir besser für produktivere Themen einsetzen könnten. Auch auf operativer Ebene beschäftige ich zahlreiche Mitarbeiter, die einen Großteil ihrer Arbeitszeit Listen abarbeiten und dies dokumentieren. Wie viele Mitarbeiter es ganz genau sind, will ich lieber gar nicht so genau wissen – sonst ärgere ich mich nur.

Laut Bundesregierung nimmt die Belastung durch Bürokratie stetig ab. Der Bürokratiekostenindex der Bundesregierung ist seit seiner Einführung im Jahre 2012 von 100 auf 99,11 Punkte Ende 2017 abgesunken. Merken Sie das in Ihrer täglichen Unternehmenspraxis?

Für mich ist das Schönrechnerei und widerspricht meiner Erfahrung völlig. Zum einen werden die Folgekosten aus EU-Recht nicht betrachtet, aber ein Großteil der neuen Regulierungen kommt nun mal aus Brüssel. Zum anderen bleibt der einmalige, aber häufig extrem große Umstellungsaufwand unberücksichtigt, der bei neuen Gesetzen anfällt.

Die Belastung durch Bürokratie ist für Nicht-Unternehmer oft nicht nachvollziehbar. Können Sie anhand eines konkreten Beispiels erläutern, warum Sie als Mittelständler besonders mit Bürokratie zu kämpfen haben?

Die Fülle an Regulierungen für einen international tätigen Mittelständler ist grundsätzlich genauso groß wie für Großunternehmen. Der Aufwand beim Aufsetzen interner Prozesse für neue Gesetze ist derselbe – obwohl wir viel weniger Manpower haben. Ein Beispiel dafür ist die DSGVO, die sich gegen die großen Internetkonzerne richten sollte, aber uns massiv betroffen hat.

Um Bürokratie halbwegs handhabbar zu halten, versuchen wir grundsätzlich so viel wie möglich zu digitalisieren. Leider sind viele behördliche Daten und Schnittstellen ungenügend. Nur ein Beispiel: Mit dem amtlichen, elektronischen Atlas-Verfahren lassen sich Lieferungen in Nicht-EU-Länder für Umsatzsteuer-Zwecke theoretisch gut und halbwegs effizient nachweisen. Praktisch gibt es hier Fehlerquoten von zehn Prozent. Bei einem fehlerfreien System müssten unsere Mitarbeiter nicht manuell tätig werden, was extrem aufwändig ist.

Was tun Sie, um in Ihrem Unternehmen mit kostenintensiver Bürokratie fertig zu werden?

Besonders viel kann man da ehrlich gesagt nicht machen – und genau das ist ja das Problem mit der Bürokratie. Daher habe ich vor einigen Wochen Politiker und Beamte zu einem ganztägigen Bürokratie-Workshop eingeladen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich mal ein paar Beispiele in der Praxis und mit den Augen eines Sachbearbeiters anzuschauen. Dass es da durchaus Offenheit gibt, zeigt sich daran, dass zehn Teilnehmer extra nach Windach gekommen sind, 45 km westlich von München. Darunter waren Vertreter des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Statistischen Bundesamts, der Bayerischen Staatskanzlei sowie eine Landtagsabgeordnete.

Wenn Sie sich drei Dinge in puncto Bürokratieabbau von der Politik wünschen dürften, welche wären das?

  1. Die Politik erwartet vom Mittelstand, sich bei der Digitalisierung gut aufzustellen – und das erwarte ich von der Politik ebenso. Damit meine ich vor allem, dass wir endlich ein E-Government-Portal bekommen, das diesen Namen verdient und viele Anträge und Dienstleistungen bündelt. Selbstverständlich sollte es Bund, Länder, Kreise und Kommunen umfassen.
  2. Für eine effizientere Regulierung wäre sehr sinnvoll, wenn die Beamten auf Referatsebene erst ein paar Unternehmen besuchen und sich die dortigen Prozesse anschauen würden, bevor sie einen Referenten-Entwurf erstellen. Dann wäre hoffentlich einiges klarer ausgestaltet. Denn man muss auch sagen: Das Vermeiden von Rechtsunsicherheit sorgt oft für genauso viel Aufwand wie die Regulierung selbst.
  3. Bei vielen Themen wünsche ich mir einheitliche und praktikable Regeln für ganz Europa. Es ist doch ein Wahnsinn, dass Dienstreisen in die EU bürokratischer sind als in die USA und die Dokumentation von Lieferungen nach China einfacher als in die EU.